Händels erste englische Oper
Die Oper "Acis und Galatea" wurde schon zu Lebzeiten Georg Friedrich Händels als eine seiner vollkommensten Kompositionen gefeiert.
Auch in unserer Zeit zählt die "Masque" zu den beliebtesten Schöpfungen des Meisters, die in unterschiedlichsten Bearbeitungen - u.a. in einer Fassung Mozarts (KV 566) - szenisch oder konzertant aufgeführt wird.
Die Liebesgeschichte zwischen der Nymphe Galatea und dem jungen Schäfer Acis spielt im idyllischen Arkadien, also in einer Traumwelt, die schon Händels Zeitgenossen als Spiegelbild der eigenen Gesellschaft verstanden. Der Chor besingt zu Beginn die Glückseligkeit einer scheinbar perfekten Welt. Der junge Acis liebt die "göttliche" Galatea. Seine Liebe wird erwidert. Nur der ständig maßregelnde Damon warnt die Verliebten vor zu viel Sorglosigkeit. Gefahr droht durch den mächtigen Polyphem, der Galatea ebenfalls begehrt. Mit Gewalt will er Galateas Liebe erzwingen. Als Polyphem von ihr abgewiesen wird, versucht Damon vergeblich ihn zur Sanftmut zu bekehren. Acis stellt sich Polyphem zum Kampf. In einem Anfall von Wut und Eifersucht tötet Polyphem den Rivalen. Galatea beweint den sterbenden Geliebten. Acis' Blut nimmt sie als Zeichen für die Unsterblichkeit ihrer Liebe.
Die ungewöhnliche Gattungsbezeichnung "Masque" für die tragische Liebeshandlung geht auf die Tatsache zurück, dass die Erstaufführung 1718 im Park von Cannons auf dem Landsitz des reichen Adligen James Brydges, Duke of Chandos, als privates Gesellschaftspiel britischer Höflinge mit maskierten Darstellern, Tänzen und Chören stattfand. Die Aufführung im Stadttheater Fürth geht auf diese Erstfassung zurück. Händel komponierte später weitere Versionen von "Acis und Galatea", bei denen die Bezeichnung zwischen "Serenata", "Patoral Opera" und "Masque" schwankt.
Im Frühjahr 1718 war Händel gerne der Einladung des musisch interessierten Grafen Brydges gefolgt, der in seinem Palast bei Cannons einen Kreis hochgesinnter Literaten, Maler und Musiker um sich scharte. Auch Händels Librettisten Alexander Pope, der führende englische Dichter der Zeit, und John Gay, der später mit seiner satirischen "Beggar's Opera" die italienische Oper in Bedrängnis brachte, gehörten zu diesem Kreis. Als "composer in residence" konnte sich Händel in Cannons ganz dem Komponieren widmen, woraufhin mit dem Oratorium "Esther" und eben der Oper "Acis und Galatea" zwei Schlüsselwerke seines Schaffens entstanden. Das Libretto von Händels erster dramatischer Komposition in englischer Sprache geht auf Ovids "Metamorphosen" zurück, also auf ein literarisches Werk, das ein Schäferspiel mit dem antiken Mythos verbindet. Die affektbetonte, bilderreiche Sprache bot Händel eine ideale Inspirationsquelle für eine reizvoll-zarte Intimität in den Liebesszenen und gleichzeitig teils tragische, teils glücksverheißende Kommentierungen durch den Chor. Der Einsatz eines Chores in einer Masque war vollkommen neuartig und verweist bereits auf Händels späte Oratorien. Der große Klagegesang des Chores am Ende der Oper ("Mourn, all ye muses! The gentle Acis is no more!") gehört dabei in seiner emotionalen Tiefe zu den ergreifendsten musikalischen Manifestationen des großen Menschendarstellers Händel.

