Das Raubtier Mensch
Stark: "Konsumgeschichten" des Theater Jugend Club
Ein ewiger Kreislauf. Ein Kreislauf aus Kaufen, Verkaufen, Arbeiten, Verbrauchen. Wir leben ihn Tagtäglich. Da ist es gut, dass es Menschen gibt, die einen daran erinnern, was hinter diesem ewigen Spiel stecken kann; die einem mir künstlerischen Mitteln mal liebevoll, mal aufrüttelnd die weniger schönen Elemente und Tatsachen unseres Konsums aufzeigen.
Der Theater Jugend Club des Stadttheaters unter der Leitung von Johannes Beissel hat sich genau dies im Kulturforum zur Aufgabe gemacht und überzeugt auf ganzer Linie. 14 engagierte junge Darsteller - das Mindestalter für den Beitritt in den Jugendclub beträgt 16 Jahre - hangeln sich am Alphabet des Verbrauchens entlang, singen, tanzen und spielen mit großer Ernsthaftigkeit und ganzem Einsatz.
Mit wohltuendem Bedacht, der sich nur nach einem gerüttelt Maß an Auseinandersetzung mit dem Thema einstellt, geht die Truppe in ihren Strich-Code-T-Shirts zu Werke und widmet sich unter Zuhilfenahme der unterschiedlichsten Theaterausdrucksformen einer Collage, die zwischen Komasaufen und Laufstegschönheiten eine Menge zu bieten hat. Kundenbriefe an große Firmen werden zitiert, einige selbstverfasste Texte der Jugendlichen fließen mit ein, Werbeslogans, Volkslieder und zwischendrin immer wieder wunderbar illustrierende Musik. Das alles wird teilweise ironisch aufgebrochen ("Have a break, have a pussycat!" und in beeindruckende Bilder verpackt. In "N wie Nike" beispielsweise thront die Siegesgöttin starr über ihren arbeitenden Untertanen, in der linken Hand einen Schuh, das Oblekt der Begierde; in der rechten die Fäden der Knechtschaft haltend, mit denen sie am Ende selbst gefesselt wird.
Einen kleinen Abriss über Schnittblumen und Rosen bekommt der konsumfreudige Zuschauer im Abschnitt "R" mit auf den Weg. Zwischen Kurzfassungen über Pestizide, Plantagenzucht und Ausbeutermentalität finden sich Texte zur Farbsymbolik und Kulturgeschichte der Rose; auch Goethes Heideröslein kommt zu Zuge, intelligent und humorvoll kommentiert von einem pantomimisch agierenden Chor im Hintergrund.
Überhaupt spielen, handeln und sprechen die jungen Darsteller auf der Bühne, als hätten sie noch nie etwas anderes getan in ihrem Leben. Selbst in schwierigen Szenen, in denen es ums Sterben oder die Annäherung zwischen den Geschlechtern geht, agieren sie souverän und abgeklärt, nimmt man ihnen das Dargestellte mehr als nur ab. So fragt die durchs Alphabet führende Navigation am Ende (oder vielleicht doch am Anfang) des Abends kurz vorm Zusammenbruch: "Kennen Sie die Menschen?" und liefert gleich die Erklärung mit: "Wesen, die einem alles nehmen, ohne dabei das Lächeln zu verlieren." Und mit diesem Satz verlassen wir das Kulturforum, um uns einzureihen in den Kreislauf des Kaufens, Verkaufens, Arbeitens, Verbrauchen ...
(Christine Stubenvoll)

