Archiv 2005/2006: Die Befristeten

Vom Augenblick des Todes

Theater Jugend Club Fürth präsentiert seine erste Inszenierung

Wie sähe unser Leben aus, wüssten wir von Anfang an, wann wir sterben müssen? Was hätte dies für eine Auswirkung auf unsere individuelle Lebensplanung? Wie würden die Mitmenschen darauf reagieren?

 

Diesen und zahlreichen daraus resultierenden existentiellen Fragen stellen sich seit Oktober 2005 sechzehn junge Menschen. Unter Anleitung des Theaterpädagogen Johannes Beissel proben sie im neu gegründeten Theater Jugend Club Fürth Elias Canettis Schauspiel "Die Befristeten".

Im Vorfeld waren an allen weiterführenden Fürther Schulen Aushänge gemacht und Flyer verteilt worden. Die Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren
rekrutieren sich aus fünf Schulen und stammen aus sechs verschiedenen Nationen. Im Theater Jugend Club lernen sie das Theater in all seinen Bereichen, sich selbst und ihre Mitstreiter neu und intensiv kennen, wagen erste Improvisationen, trainieren Wahrnehmung, Vorstellungskraft und Sensibilität, experimentieren mit Körper und Stimme. Gemeinsam haben sie sich vorgenommen, am Ende der Spielzeit bzw. des Schuljahres ein Stück zur Aufführung zu bringen.

Verantwortung und Mitgefühl

Die Wahl fiel auf ein äußerst anspruchsvolles, gleichermaßen sozialkritisches wie philosophisches Stück des Literatur-Nobelpreisträgers Elias Canetti (1905 - 1994). In einer zukünftigen Gesellschaft, so der Plot, kennen alle Menschen den Augenblick ihres Todes. Jeder trägt in einer Kapsel seinen Geburtstag bei sich, der in einem späteren Jahr auch sein Todestag sein wird. Der Name eines Menschen gibt an, wie alt er werden darf, aber es ist streng verboten, sein momentanes Alter zu nennen. Niemand außer den engsten Verwandten weiß, wie lange man noch zu leben hat, aber jeder ist sich über den Zeitpunkt des eigenen Todes bewusst. Doch was, wenn man selbst das Leben zu sehr liebt, um es schließlich zum festgelegten Zeitpunkt zu beenden? Wie geht eine Gesellschaft, die sich durch Prinzipien der Menschlichkeit legitimiert und die Angst vor dem Tod verbannen will, mit Trauer, (Verlust-) Ängsten etc. um?  

 

"Die Befristeten" erzählen vom Zusammenleben der Menschen in dieser Gesellschaft und von einem, der die Gesellschaftsordnung in Frage stellt und sie schließlich ins Wanken bringt. Beissels Inszenierung beschäftigt sich mit der Verantwortung der Menschen und ihrer Fähigkeit zum Mitgefühl im Spannungsfeld von Fatalismus, pseudoreligiöser Verblendung und Freiheit. Anhand eines Gesellschaftsmodells von morgen hinterfragt das Stück die Welt von heute.