Liebesnacht mit Verhängnis

Thomas Lackner, Natalie Forester

Liebesnacht mit Verhängnis

Neuinszenierung der "Judith"-Tragödie

Die biblische Tragödie "Judith" von Friedrich Hebbel kommt in der Neuinszenierung von Oliver Karbus auf die Bühne des Stadttheaters. Das Buch "Judith" aus dem Alten Testament ist seit über 2000 Jahren ein Sinnbild für den Überlebenskampf des Volkes Israel gegen eine überlegene politische Weltmacht. In der Literatur, Musik und Kunstgeschichte wurde immer wieder der Judith-Stoff künstlerisch gestaltet. Hebbels Version, mit der der 27-jährige Dramatiker 1840 seine Theater- karriere begann, legt den Schwerpunkt nicht auf die Gotteskriegerin und Heldin. Im bewussten Gegensatz zu Schillers "Jungfrau von Orléans" steht die Individualität der jungen Frau im Mittelpunkt, die bei allem Mut auch labil und voller Selbstzweifel agiert. Zu Beginn des Dramas bedroht der als unbesiegbar geltende assyrische Feldherr Holofernes das Volk der Hebräer mit dem Untergang. Die umliegenden Städte haben sich aus Angst vor seiner Grausamkeit bereits kampflos ergeben. Nur Bethulien will sich nicht unterwerfen. Man berichtet Holofernes von diesem furchtlosen "Volk von Wahnsinnigen", das einen unsichtbaren Gott anbetet. Doch innerhalb der Stadtmauern herrschen Not und Schrecken. Die Wasservorräte gehen zur Neige und Gewalt beginnt sich unkontrollierbar auszubreiten. Judith ist von Holofernes zugleich abgestoßen und fasziniert, in ihr keimt eine heimliche Begierde nach dem skrupellosen Feind auf. Sie entschließt sich, ihn aufzusuchen, um ihn zuerst zu verführen und dann zu töten. Von Judiths Schönheit beeindruckt, lädt Holofernes sie zu sich; die Liebesnacht wird ihm zum tödlichen Verhängnis. Judith bringt nach der Tat seinen abgeschlagenen Kopf nach Bethulien, doch ihre Selbstzweifel übertönen den Jubel des befreiten Volkes. Sie muss sich eingestehen, dass ihr eigenes Begehren ihre Tat motivierte. "Nichts trieb mich, als der Gedanke an mich selbst … Jetzt muss ich meine Tat allein tragen, und sie zermalmt mich!"

 

Hebbel entwirft zwei Figuren von ungeheurer Radikalität. Zum einen den Feldherren Holofernes, einen Nihilisten, der mit Zynismus und Willkür jeden grausam ermorden lässt, der ihm lästig wird. Die Götter sind für ihn nur Werkzeuge des eigenen Handelns, er braucht zur Rechtfertigung seines Tuns keinen höheren Sinn, er selbst ist sich Sinn genug. Zum anderen Judith, die vom tiefen Glauben an Gott erfüllt ist. Sie ist bereit, das Unmögliche zu tun. Dadurch wird sie zur Prophetin der abendländischen Kultur, die "den einzigen wahren Gott Israels" an die Stelle der Götzen der Heidenvölker stellt. Und dennoch ist sie ein innerlich gebrochener Mensch voller Sehnsüchte und seelischer Wunden. Die Begegnung mit Holofernes hat an den Fundamenten ihres Glaubens gerüttelt.