Was widerfährt Romeo und Julia, wenn sie einmal verheiratet sind?
Anmerkungen des Autors
Ich habe mich immer gefragt, zu welchem Genre das Eheleben gehört. Zur Tragödie oder zur Komödie? Die einzige Gewissheit, die mir bleibt ist, dass es zur Gattung des Dramas gehört …
Als ich es unternahm das Stück "Kleine Eheverbrechen" zu schreiben, füllte ich damit eine Lücke aus: es gibt meines Wissens kein Stück über die Liebe, die andauert. Es gibt Tausende von Stücken über die Liebe, die beginnt, Hunderte über die Liebe, die endet, die berühmtesten - wie Romeo und Julia - erzählen zugleich den Beginn und das Ende der Liebe. Aber man erfährt nichts über die andauernde, die fortbestehende, kurz über die eheliche Liebe. Man hat den Eindruck, das Theater akzeptiere die Liebenden nur als Anfänger oder als Rentner, als beschränke es sich darauf, die Geburt und das Vergehen der Liebe darzustellen, während es dagegen nie zeigt, wie sich das alltägliche Leben eines Paares gestaltet.
Warum wird uns der Zugang zu dieser doch eigentlich ausschlaggebenden Wirklichkeit verwehrt? Was wird aus Romeo und Julia, nachdem sie fünfzehn Jahre zusammengelebt haben? Was empfinden die großartigen Liebenden nach ein paar Kindern und nachdem sie bereits einige Jahre miteinander verbracht haben? Was kann der Glanz der ersten Augenblicke der ewig gleichen Abfolge von Tagen, Wochen, Monaten entgegensetzen? Hat sich da etwas verändert, nach unzähligen miteinander geführten Gesprächen, nach genau so vielen Momenten, die im Schweigen zugebracht wurden, nach Tausenden von geteilten Mahlzeiten, nach viel Arbeit und mehreren verpatzten Ferien? (…)
Auf diese Fragen vermochte mir nur das Leben selbst Antworten zu geben.
Ich musste also vierzig Jahre vergehen lassen, bis ich mir eine Vorstellung von der ehelichen Beziehung machen konnte, und dann aus dieser Vorstellung heraus ein Stück schreiben konnte. Kleine Eheverbrechen zeugt von dieser Reife.
Dem Stück fehlt jede Romantik, jeder Idealismus à la Hollywood, es zeugt von Realismus - auch wenn es wie meine anderen Werke in keinem realistischen Stil verfasst wurde - und ergründet eher die Komplexität des menschlichen Wesens als dass es sie vereinfacht. Nach eigenen Erfahrungen ist mir nämlich klargeworden, dass das Leben als Ehepaar die gewagteste, die gefährlichste Reise ist, die in der Liebe unternommen werden kann. Wie banal erscheinen dagegen die flüchtigen "Abenteuer" neben jenem Abenteuer …
Eric-Emmanuel Schmitt, September 2005
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