Was widerfährt Romeo und Julia, wenn sie einmal verheiratet sind?

Eric-Emmanuel Schmitt

Was widerfährt Romeo und Julia, wenn sie einmal verheiratet sind? 

Anmerkungen des Autors

Ich habe mich immer gefragt, zu welchem Genre das Eheleben gehört. Zur Tragödie oder zur Komödie? Die einzige Gewissheit, die mir bleibt ist, dass es zur Gattung des Dramas gehört …

Als ich es unternahm das Stück "Kleine Eheverbrechen" zu schreiben, füllte ich damit eine Lücke aus: es gibt meines Wissens kein Stück über die Liebe, die andauert. Es gibt Tausende von Stücken über die Liebe, die beginnt, Hunderte über die Liebe, die endet, die berühmtesten - wie Romeo und Julia - erzählen zugleich den Beginn und das Ende der Liebe. Aber man erfährt nichts über die andauernde, die fortbestehende, kurz über die eheliche Liebe. Man hat den Eindruck, das Theater akzeptiere die Liebenden nur als Anfänger oder als Rentner, als beschränke es sich darauf, die Geburt und das Vergehen der Liebe darzustellen, während es dagegen nie zeigt, wie sich das alltägliche Leben eines Paares gestaltet.

 

Warum wird uns der Zugang zu dieser doch eigentlich ausschlaggebenden Wirklichkeit verwehrt? Was wird aus Romeo und Julia, nachdem sie fünfzehn Jahre zusammengelebt haben? Was empfinden die großartigen Liebenden nach ein paar Kindern und nachdem sie bereits einige Jahre miteinander verbracht haben? Was kann der Glanz der ersten Augenblicke der ewig gleichen Abfolge von Tagen, Wochen, Monaten entgegensetzen? Hat sich da etwas verändert, nach unzähligen miteinander geführten Gesprächen, nach genau so vielen Momenten, die im Schweigen zugebracht wurden, nach Tausenden von geteilten Mahlzeiten, nach viel Arbeit und mehreren verpatzten Ferien? (…)

Auf diese Fragen vermochte mir nur das Leben selbst Antworten zu geben.

 

Ich musste also vierzig Jahre vergehen lassen, bis ich mir eine Vorstellung von der ehelichen Beziehung machen konnte, und dann aus dieser Vorstellung heraus ein Stück schreiben konnte. Kleine Eheverbrechen zeugt von dieser Reife.

 

Dem Stück fehlt jede Romantik, jeder Idealismus à la Hollywood, es zeugt von Realismus - auch wenn es wie meine anderen Werke in keinem realistischen Stil verfasst wurde - und ergründet eher die Komplexität des menschlichen Wesens als dass es sie vereinfacht. Nach eigenen Erfahrungen ist mir nämlich klargeworden, dass das Leben als Ehepaar die gewagteste, die gefährlichste Reise ist, die in der Liebe unternommen werden kann. Wie banal erscheinen dagegen die flüchtigen "Abenteuer" neben jenem Abenteuer …

 

Eric-Emmanuel Schmitt, September 2005

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Biografisches

Eric-Emmanuel Schmitt wurde 1960 geboren. Nach dem Ecole Normale Supérieure, promovierte er in Philosophie. Mit 23 Jahren erhielt er einen Lehrauftrag, den er zugunsten einer Karriere als freier Schriftsteller für Theater, Film und Fernsehen mit Beginn der 1990er Jahre aufgab. Bereits sein erstes Theaterstück "Der Besucher" (1993) wurde zu einem Klassiker im Repertoire. Rasch folgten nun weitere Erfolg u.a.: "Enigma", "Der Freigeist", "Hotel zu den zwei Welten", "Oskar und die Dame in Rosa", "Kleine Eheverbrechen", "Meine Evangelien", "Die Tektonik der Gefühle". Für seine Stücke wurde Schmitt mit mehreren Molière und dem Grand Prix du Théâtre der Académie française ausgezeichnet. Seine Theaterstücke werden inzwischen in vierzehn Sprachen übersetzt und in mehr als vierzig Ländern aufgeführt. Auch mit Romanen und Erzählungen stürmt Schmitt die Bestsellerlisten. "Meine Evangelien" ist z.B. eine von Schmitt selbst besorgte Bühnenadaptation seines Romans "Das Evangelium nach Pilatus" und "Die Nacht der Ölbäume". Weitere erfolgreiche Prosa-Werke sind "Die Schule der Egoisten", "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", "Mein Leben mit Mozart". 2006 schrieb er das Drehbuch für seinen ersten Spielfilm "Odette Toulemonde", bei dem er auch Regie führt. 2007 lief der Film erfolgreich in Kinos in Frankreich und Belgien. Eric-Emmanuel Schmitt gehört zu einem der meistgelesenen und meistgespielten französischsprachigen Autoren weltweit.