Geht' s auch ohne Chef?
Lars von Triers "Der Boss vom Ganzen"
Die Theaterfassung des Lars von Trier-Films "Der Boss vom Ganzen" inszeniert Maya Fanke im Januar im Stadttheater. In Deutschland wurde die Bühnenversion des Filmtextes am 5. Oktober 2007 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt, während der Film erst im Januar 2009 in die Kinos kam.
Mit diesem Werk entdeckte der dänische Filmemacher von Trier (geb. 1956) die Komödie für sich, wenn auch in einer bissigen und sarkastischen Form.
Die Kulisse ist die Arbeitswelt eines IT-Unternehmens. Obwohl die Idee zum "Boss vom Ganzen" vor der Weltwirtschaftskrise lag, passt die authentische Darstellung der Büro-Atmosphäre haargenau zu den tagesaktuellen Fragen nach dem Zusammenhang von Wirtschaft und Moral. Das kleine, erfolgreiche IT-Unternehmen wird von dem harmoniesüchtigen, in Wahrheit aber gerissenen Chef Ravn geleitet. Er betrügt seine Angestellten auf subtile Weise. Er erfindet einen in den USA lebenden imaginären Boss, den die Mitarbeiter nur von seinen schriftlich übermittelten Anweisungen her kennen. Der Sinn liegt darin, dass Ravn sich äußerst beliebt machen kann, weil er alle unangenehmen Entscheidungen auf den ominösen großen Anderen aus Amerika abwälzen kann. Außerdem kann Ravn seine Mitarbeiter über zum Teil sehr persönliche E-Mails steuern und gegeneinander ausspielen.
Der Betrug funktioniert lange Zeit erstaunlich gut, bis Ravn den ganzen Laden samt Software-Lizenzen an den isländischen Investor Finnur verhökern will. Der Unternehmer Finnur ist exzentrisch, hasst alle Dänen und will nur mit dem obersten Boss verhandeln. Ravn muss notgedrungen mit Kristoffer einen arbeitslosen Schauspieler engagieren, der die Rolle des ständig abwesenden Chefs glaubhaft verkörpern kann. Kristoffer, die zweite Hauptfigur des Stückes, benimmt sich jedoch selbstgefällig und hat eine sehr eigene Auffassung davon, wie er die Rolle anzulegen hat. Die plötzliche Fleischwerdung des fiktiven Chefs hat massive Folgen für das Betriebsklima. Plötzlich gibt es in der Firma Sex auf Schreibtischplatten, gebrochene Heiratsversprechen und wohlgesetzte Boxhiebe.
Turbulent gestalten sich auch die Verkaufsgespräche mit dem isländischen Geschäftsmann. Kristoffer erfährt scheibchenweise, was ihm Ravn alles beim Verkauf der Firma vorenthalten hat. Die Verhandlungen drohen zu platzen, was Ravn in helle Panik versetzt.
Lars von Trier greift in diesem Werk das alte skandinavische Lieblingsthema der Lebenslüge auf. Der Zwang zur Harmonie ist eine Lebenslüge der Dänen. In diesem Land wolle jeder nett sein und weiche harten Auseinandersetzungen aus. Darüber hinaus ist das angespannte Verhältnis von Isländern und Dänen ein weiterer komischer Effekt. Ein halbes Jahrtausend währte die Herrschaft Dänemarks über Island und die Figur des aufbrausenden Geschäftsmanns Finnur scheint sich für die ganze 500-jährige Knechtschaft beim Firmenkauf rächen zu wollen. Aber die Konflikte und der sentimentale Versöhnungszwang gehen weit über die dänische Gesellschaft hinaus. Die Sinnsuche im Kapitalismus, sowie die Eitelkeit und Dämlichkeit der Schauspieler karikiert Lars von Trier bis ins Groteske z.B. in der Figur Kristoffers - und nutzt sie für die denkbar böseste Auflösung der ganzen Verwicklungen.

