Gedanken zur Fürther Neuinszenierung

Barbara Schedel, Fredrik Akselberg

Gedanken zur Fürther Neuinszenierung

"Acis und Galatea" als Ideologie der Lust

Mit Händels Oper "Acis und Galatea" kommt in Fürth ein Werk von Georg Friedrich Händel zur Aufführung, das nicht wenige Musikwissenschaftler für eines der emotional tiefsten und in seinen Melodien für eine der einfallreichsten Schöpfungen des großen Menschendarstellers Händel halten.

Zu seinen Lebzeiten war die Masque - wie diese Opernform auch genannt wird - so populär wie heutige Musicals. Einprägsame Melodien verbinden sich mit einem lustvollen und sinnesfrohen Sujet. Die Breitenwirkung in der Musikwelt ist auch daran ablesbar, dass immer wieder Bearbeitungen dieser beliebten Masque entstanden sind. Händel selbst legte drei unterschiedliche Versionen von "Acis und Galatea" vor und die Liste der Komponisten, die sich mit diesem Stoff befassten, reicht bis Wolfgang Amadeus Mozart (KV 566) oder Felix Mendelssohn Bartholdy. Zeittypisch erweiterte Mozart vor allem die Orchesterbesetzung, eine Variante, die sich aber letzten Endes nicht durchsetzte. Unterschiedlichste Aufführungen von "Acis und Galatea" hat es international immer wieder gegeben, und dennoch erreicht dieses Werk beim breiten Publikum nicht den Bekanntheitsgrad von "Julius Cäsar" oder "Xerxes".

 

Dass auch diese Opern in der mittelfränkischen Region lange nicht gespielt wurden, ist ein anderes Thema. In den meisten Ländern der Welt gehört Händel längst zum Standard-Repertoire der internationalen Opernhäuser. Die Fürther Neuinszenierung schließt demnach auch eine Lücke im Spielplan der ganzen Metropolregion.

Spezielle Schwierigkeiten mit der Rezeption von "Acis und Galatea" ergeben sich aber aus zwei Missverständnissen. Händel bekennt sich hier zur kleinen Form und zum englischen Stil. Die Uraufführung fand 1718 im privaten Rahmen auf einem Lustschloss des reichen englischen Grafen James Brydges, späterer Duke of Chandos, statt. In der Fürther Inszenierung wird auf diese Fassung zurückgegriffen.

Händel wagte in einer Zeit, in der die italienische Oper in ganz Europa dominierte, eine Oper für englische Lords, die selbst an der Aufführung mitwirkten. Stilistisch bedeutete das eine Revolution. Händel knüpfte an die inzwischen aus der Mode gekommene englische Tradition des Maskenspiels an, komponierte sie aber in seiner eigenen variantenreichen Tonsprache, die die ausschließliche Vorherrschaft des Solo-Gesangs nicht mehr akzeptierte. Im einzelnen bedeutete das: wesentlich kürzere Accompagnato- Rezitative, die Einbeziehung eines Duetts und eines Terzetts, aber vor allem Tanzeinlagen und eine große Aufgabe für den Chor. Wegen des chorischen Charakters wurde "Acis und Galatea" auch fälschlicherweise in die Liste der Oratorien aufgenommen, was die Repertoirefähigkeit im Opernspielplan sicherlich auch lange Zeit erschwerte. Das kleine Orchester aus lediglich elf oder zwölf Spielern unterstreicht die Dominanz der Bühne. Wenn sich auch musikalisch Formen der italienischen Serenata und dramaturgisch Ähnlichkeiten zu einer Pastoral- Oper finden, bleibt es eine "Masque", ein Spiegelbild der barocken Gesellschaft. Bei der privaten Uraufführung schlüpften Adlige, für die Maskierung und Travestie einen beliebten Zeitvertreib darstellten, selbst in bunte Kostüme und gestalteten ihren Traum von Vergnügungen im surrealen Arkadien.

 

Das zweite Missverständnis in der Rezeptionsgeschichte von "Acis und Galatea" betrifft den Schauplatz der Handlung. Arkadien ist keine Annäherung an ein Paradies oder eine Idylle. Es geht nicht um Romantik, sondern um ein verbissenes Nachjagen nach dem Glück. Im Grunde entspricht die Traumwelt heutiger Glamour- und Glitzerkultur, die Händel in Kommentierungen für den Chor auch genau und kritisch benennt.

Die barocke Gesellschaft (zumal auf einem Lustschloss) ist in ihrer Vergnügungssucht durchaus mit heutigen Formen des Amüsements - mit allen negativen Begleiterscheinungen - zu vergleichen. Der große Unterschied liegt nur darin, dass der damaligen Gesellschaft mythologische Stoffe aus der Antike vertraut waren. Die Episode aus den "Metamorphosen" des römischen Dichters Ovid, die eine arkadische Traumwelt beschreibt, gehörte zum Grundkanon klassischer Bildung. Auch der Bilderreichtum und die Metaphorik, die im Libretto von John Gay, Alexander Pope und John Hughes steckten, wurden in ihrer Sinnlichkeit, ja sogar in ihrer erotischen Komponente verstanden. Dem barocken Zuschauer fiel es leicht, diese Anspielungen mit der eigenen Lebenssituation in Verbindung zu bringen.

 

Aber wie fassen wir heute dieses irreale Konstrukt Arkadien? In der Fürther Produktion wird die Oper in einem Kabarett angesiedelt. Aus der göttlichen Nymphe wird eine unsterbliche Diva, aus dem Hirtenjungen ein Kellner, der wie im Original gesellschaftlich weit unter dem mächtigen Mann Polyphem steht. Auch in diesem Etablissement verhindert Vergnügungssucht das Gedeihen einer wahren Liebe. Galatea lebt in einem Umfeld, das sich rühmt, vor den schlimmen Auswirkungen der Liebe immer schon gewarnt zu haben. Wenn die unbedingte Leidenschaft im realen Leben illusorisch bleibt, dann bleibt Galatea keine Wahl, als aus dieser Welt, in die sie nahezu brutal hineingezwungen wird, auszubrechen. So wird Arkadien zu einer Ideologie der Lust, zu einer Zumutung der Vergnügungen. Die Masque wird damit demaskiert und ist in unserer Zeit angekommen.