Meine sehr verehrten Damen und Herren,
in dem Ihnen sicher bekannten Film "Rhythm is it" wird ein Junge gezeigt, der sich entschließt, bei diesem hochgerühmten Projekt "Sacre du printemps" der Berliner Philharmoniker mitzumachen, mitzutanzen.
Er hat noch nie getanzt, geschweige denn auf einer Bühne gestanden. Er ist eher scheu, ein pubertierender Einzelgänger. Bei der ersten Probe scheint ihn sein Mut schon verlassen zu haben: Was? Ich soll auf einen anderen Jungen zutanzen und dann auf dessen Schultern springen, mich tragen lassen? Das sieht doch blöd aus, das kann ich doch gar nicht, und außerdem ist das nur was für Mädchen.
Am Ende des Films, ein paar Wochen später, bei einer der letzten Proben vor der Premiere, sieht man diesen Jungen wieder. Mit der Eleganz eines Tigers läuft er auf seinen Partner zu, springt auf dessen Schultern, streckt die Arme weit nach oben und seine Augen strahlen ins Publikum. Ein Moment voller Mut, Selbstbewusstsein, Freiheit und Lebensfreude - und Schönheit.
Für mich ist diese Filmsequenz wie eine Epiphanie, in der die Seele der Theaterpädagogik, aber auch des Theaters selbst aufscheint.
Zum einen wird im Zeitraffer klar, zu welcher Kraft, zu welcher Persönlichkeit der junge Mann durch diese Theaterarbeit gelangt ist, zum anderen erkennt man auch, dass nur durch genau diese Kraft und innere Haltung, durch diese Leidenschaft wirklich gutes Theater entsteht, berührendes Theater. Theaterpädagogik - und das war meine Erkenntnis aus dem Film - dient zweierlei: der persönlichen Entwicklung des Einzelnen und eben auch der Ästhetik des Theaters. Das Theater erneuert und verjüngt durch theaterpädagogische Arbeit nicht nur sein Publikum, sondern auch sich selbst.
Was ich über diesen Jungen im Film gesagt habe, gilt auch für die Arbeit des Fürther Jugendclubs. Dabei - das sei vorab mit Nachdruck gesagt - hat das Stadttheater Fürth weiß Gott die Einrichtung eines Jugendclubs nicht erfunden. An vielen Theatern, auch am Staatstheater Nürnberg, gibt es seit vielen Jahren Jugendclubs - und bitte, liebe Kollegen, fühlen Sie sich von mir gleich mit gewürdigt. Sie leisten alle hervorragende Arbeit!
Johannes Beissel, Initiator und Leiter des Fürther Jugendclubs, war es von Anfang an wichtig, dass der Club allen offensteht. Jeder kann mitmachen, egal aus welcher Schule, welchem Herkunftsland, welcher Familie er kommt. Die Teilnahme ist kostenlos - und so muss niemand aus welchen Gründen auch immer ausgeschlossen werden - vorausgesetzt werden allerdings Zuverlässigkeit, Offenheit für neue Erfahrungen, Neugier und Spielfreude.
Die "darstellerische Begabung" des einzelnen spielt keine Rolle, es gibt kein Casting, kein Vorsprechen. Wer über 16 Jahre ist und sich rechtzeitig anmeldet, kann mitmachen. Und so ist die Mischung eines jeden Jugendclub-Jahrgangs zu Anfang immer heterogen. Aktuell kommen die Jugendclubberer übrigens aus 10 verschiedenen Herkunftsländern: aus Kasachstan, Afghanistan, Russland, Usbekistan, aus dem Irak, dem Kosovo, aus Uganda und Kolumbien, Weißrussland und Panama und natürlich aus Deutschland. Eine wirklich bunte Mischung. Aber innerhalb eines Jahres wächst man zusammen.
Schon in der ersten Arbeit, Elias Canettis "Die Befristeten" von 2006, zeigte der frisch gegründete Jugendclub eine bemerkenswert geschlossene Ensembleleistung. Ich muss gestehen, dass ich bei der Stückauswahl zunächst etwas skeptisch war - und dann aber total überzeugt von dem Ergebnis. Nicht nur von der Qualität der Darstellung, sondern auch von der ästhetischen Durchdringung und Formung, und damit ja auch dem Regietalent von Johannes Beissel. Wow - da war groß angefangen worden.
Schon mit der zweiten Arbeit "Konsumgeschichten" ein Jahr später traute sich der Jugendclub an eine Eigenentwicklung ohne literarische Vorlage, eine szenische Auseinandersetzung mit den Themen Konsum, Genuss, Verschwendung. Das Experiment glückte und wurde dann zu einer probaten Arbeitsweise.
Auch im nächsten Jahr entstand eine Eigenentwicklung, ein für mich sehr berührender und auf unspektakuläre Art großartiger Theaterabend unter dem Titel "Nicht meine Geschichte". Dieses Stück handelt aber doch ganz und gar von der eigenen Geschichte: Einige Jugendliche haben ihre persönliche Geschichte von Fremdsein, Migration, zerrissener Familie und neuer Heimat als Textgrundlage für den Theaterabend geschrieben, und zum ersten Mal standen auch sogenannte "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" auf der Bühne, junge Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und sich nach dunklen, oft sehr belastenden Erlebnissen und Odysseen hier in unserem Land, in unserer Region wiederfanden - allein und auf sich gestellt, wenn auch gottlob aufgefangen in der Nürnberger Wohngruppe "Bahia".
Der Jugendclub hat gerade auch für diese Jugendlichen einen unschätzbaren Wert. Er ist Ort der Integration, der Teilhabe, des Lernens und des Aufgehobenseins in der fremden Welt. Wer je gesehen hat, mit welcher Kraft, mit welcher Sicherheit und Energie diese anfangs so scheuen Jungen nach einem Jahr auf der Bühne agieren, wie sie stolz und selbstbewusst ihre eigene Tradition und Kultur in die Arbeit einbringen, dessen Herz wird dem Jugendclub und Johannes Beissel allein deshalb einen Preis verleihen!
Mit "Nicht meine Geschichte" gastierte der Jugendclub im übrigen zum ersten Mal beim Bayrischen Jugendclub Treffen an den Münchner Kammerspielen.
Im Sommer 2009 folgte das Stück "Credo", wieder eine Eigenentwicklung. Diesmal war der Glaube, die Religion das Thema - und auch deren Ächtung unter Jugendlichen. Ein "uncooles" Thema eines intensiven Theaterabends, der einen wahrhaft nicht kalt gelassen hat.
2010 "Durst" von Victor Pohl, einem Jugendclubberer, der als 18jähriger sein erstes eigenes Stück schrieb - und von dem wir, da bin ich sicher, noch hören werden! Was für ein Talent!
Für die Spielzeit 2010/11 hatten sich so viele Jugendliche angemeldet, dass es zur Teilung des Clubs und zu zwei neuen Produktionen kam: Die englische Schauspielerin Sue Rose erarbeitete Ionescos "Das große Massakerspiel", während Johannes Beissel - übrigens im selben Bühnenbild - die Eigenproduktion "Columbine und wir" entwickelte - ein Stück über Amoklauf an Schulen.
Bleibt in der Chronologie des Jugendclubs noch zu erwähnen, dass sich ein paar "alte Hasen" , die schon z.T. seit Beginn dabei sind, in diesem Jahr zusammengetan haben und nun außerhalb des Jugendclubs das "Junge Ensemble" gründeten. Dessen erste Produktion "Rose und Regen, Schwert und Wunde", eine Bearbeitung von Shakespeares "Sommernachtstraum" kam im September zur Premiere und wurde ein so schöner Erfolg, dass das Stück für den kommenden Januar 2012 nochmal für 5 Vorstellungen auf den Spielplan kommt - zu sehen dann im Kulturforum Fürth.
Schaut man auf die Themen, die der Jugendclub in den letzten Jahren angefasst und sich in Körper, Herz und Hirn geholt hat, so zeigt sich ein zwingendes gesellschaftspolitisches Engagement, ein theatrales Befragen der Realität nach deren Sinn, deren Moral, deren Veränderbarkeit. Dem geistlosen Hedonismus einer sinnfreien Popkultur weiß der Jugendclub mit eindringlichen Fragen und Klarheit im Denken entgegenzutreten. Theater als Spiel, nicht als Spielerei. Und so wird die Bühne wieder zum Schauplatz der culture engagee und - anders und neu - wieder zur moralischen Lehranstalt. Schillers Ideal des Theaters: Es schütze des Menschen Herz "gegen Schwäche" und "belohne ihn mit einem herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung". Ich bin sicher, der Jugendclub würde Schiller gefallen.
Und so trägt - ich habe es schon erwähnt - der Jugendclub zur Verjüngung und Rückbesinnung des Theaters bei. Die jungen "Amateure", übersetzt mit "Jungen Liebhaber", betreiben theatrale Recherche im Dienst der Aufklärung: Was gilt das Wort? Was gilt der Körper? Was gilt die Tat? Das Theater wird ganz pur, ganz einfach, ganz hautnah - und warm!
Ulf Poschardt hat in seinem lesenswerten Buch "Cool" gezeigt, wie das Ich in der spätmodernen Welt Strategien von "Coolness" entwickelt hat, um die gefrierende Wirklichkeit von sich abzuhalten. "Coolness wird zur emotionalen Überlebensstrategie in einer Welt, in der sich langsam und schleichend ein whiteout ereignet - Stillstand und totale Orientierungslosigkeit im konturlosen Weiß des Eises."
Der Fürther Jugendclub verfolgt in der selben Welt eine umgekehrte Strategie - die der Wärme. Die Konzentration auf den Menschen, den atmenden, sich bewegenden Körper, die liebevolle Hinwendung zum Einzelnen, das Aufgehobensein in der Gruppe - aber nicht zuletzt auch die hitzigen theatralen Debatten über die Dinge, die es zu verändern gilt - all dies scheinen mir Strategien der Wärme gegen die oben zitierte gefrierende Wirklichkeit. Und so gesehen kann man mit Stolz sagen: Der Fürther Jugendclub ist uncool.
Der Maskierung und damit Auflösung der Identitäten im Zeitalter von Nicknames und Facebook stellt der Jugendclub junge Persönlichkeiten, Menschen aus Fleisch und Blut entgegen, die ihre Geschichten erzählen. Und so wurde mir der Wesenskern des Jugendclubs neulich in einem Satz unseres Intendanten Werner Müller offenbar. Nach der Premiere von "Das große Massakerspiel" habe ich ihn gefragt, wie es denn so war, und er sagte: "Beeindruckend. Am Anfang stehen die jungen Leute alle da und man denkt: Was für ein Gewusel. Und am Ende beim Schlussapplaus schaut man sie an und denkt, man hat jeden einzelnen kennengelernt".
Und so möchte ich Sie am Schluss noch einladen, die einzelnen Jugendclubberer bzw. ihre Arbeiten kennenzulernen - nicht nur des Fürther Jugendclubs, sondern aller bayerischen Jugendclubs. Vom 12. bis 15. Juli 2012 findet in Fürth das 6. Treffen der Bayerischen Theaterjugendclubs statt, und ich würde mich freuen, wenn Sie dort meine hier formulierten Thesen überprüfen!
Ich gratuliere dem Jugendclub mit seinem Leiter Johannes Beissel zum IHK-Kulturpreis und wünsche ihm noch viele, viele abenteuerliche, uns alle wärmende Reisen auf der Bühne, im Probenraum, im Leben.
Herzlichen Glückwunsch!